Leben

So, damit ihr die vorangegangenen Teile nicht immer suchen müsst, findet ihr hier die ganze Story- zumindest so viel, wie bereits davon veröffentlicht wurde.


Die Geschichte ist fiktiv, mögliche Übereinstimmungen von Namen und Ereignissen sind Zufall. Das Bearbeiten, Kopieren oder Verbreiten der Geschichte ist ohne meine ausdrückliche Zustimmung nicht erlaubt.

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Als er aufwachte, wusste er zuerst nicht, wo er war. Verschlafen rieb er sich die Müdigkeit aus den Augen, setzte sich mühselig auf und sah sich um. Er liess seinen Blick durch den Raum schweifen, sah Kleider die über den ganzen Boden verstreut lagen. Die ersten Sonnenstrahlen tauchten das Zimmer in ein warmes Licht. Kleine Staubpartikel tanzten im Licht der wärmenden Sonnenstrahlen, als möchten sie den neuen Tag mit einem Freudentanz begrüssen. 
Sein Schädel brummte und erinnerte ihn schmerzlich an die vergangene Nacht. Endlich liess er es zu, dass er einen Blick auf die Frau neben ihm warf. Sie lag in das Laken eingewickelt auf der anderen Bettseite. Ein nacktes Bein schaute unter dem Laken hervor. Ihr blondes Haar fiel ihr in Strähnen ins Gesicht, verdeckte ihre Augen und ihre Lippen. Und trotzdem konnte er erkennen, dass sie eine wunderschöne Frau war. Ganz sanft beugte er sich zu ihr rüber, zog das Laken wieder über ihr Bein, streifte dabei ihre Haut. Vorsichtig streichte er ihr die Haarsträhnen hinters Ohr, legte dabei ihre hohen Wangenknochen frei und betrachtete die junge Frau neben sich. Sie seufzte im Schlaf und lächelte leicht. Irgendetwas an ihrem Anblick berührte etwas tief in ihm drin. Sie sah so friedlich aus, so schön. Ihr Anblick liess ihn darauf hoffen, dass es doch noch schöne Dinge gab im Leben. Er musste sich zwingen, seinen Blick abzuwenden, sie nicht anzustarren. „Fremde Leute anstarren ist nicht höflich“, hörte er im Hinterkopf seine Grossmutter sagen. Fremde Leute. Fremd- genauso hatte er sich gefühlt, als er aufwachte.
Orientierungslos. Verloren in einem fremden Zimmer. Einem fremden Bett neben einer fremden Frau. Fremd.

Er wurde wütend. Wütend auf sich selbst. Auf die Frau, die ihn ohne gross nachzudenken in ihr Bett gelassen hatte. Er hätte auch irgendein Psychopath sein können, sie misshandeln und töten. Doch sie hatte daran wohl keine Gedanken verschwendet.
Sie war bereits angeheitert, als er sie angesprochen hatte und bis zum Schluss wohl mehr als das. Er hätte mit ihr machen können, was er wollte. Sie hätte sich nicht einmal wehren können und hatte ihm sogar selbst noch die Türe zu ihrer Wohnung geöffnet. So naiv war sie. Und so schön. Und er hatte es schon wieder so weit kommen lassen. Er schloss die Augen, versuchte, den auflodernden Zorn in seinem Innern wieder dorthin zurück zu drängen, wo er hingehörte. Irgendwo tief in ihm drinnen, in einem Raum in seinem Körper, den er gut verschlossen hielt. Ganz kurz war er ihm entwischt, sein Zorn über sich selbst und die Welt. Doch er konnte ihn wieder einsperren.



Vorsichtig setzte er sich im Bett auf, sorgfältig darauf bedacht, keine schnellen Bewegungen zu machen und zu verhindern, dass die fremde Schönheit neben ihm aufwachte.
Er stand auf und begann, seine Kleider zusammen zu suchen. Eine Socke konnte er nicht finden, seinem Hemd begegnete er im Wohnzimmer, ebenso seiner Hose. Auf dem Salontisch stand eine Flasche Rotwein, ein Glas halb voll daneben, das andere lag umgekippt auf dem weissen Teppich. Als er mit seinen nackten Füssen auf den Teppich trat, sank er leicht ein, fühlte das warme und flauschige Gefühl an seiner Sohle. Er erinnerte sich an dieses Gefühl. Hier hatten sie sich geliebt, direkt auf dem Boden, ohne zu bemerken, dass sie dabei ein Weinglas umgekippt haben und der Inhalt sich über den teuren Teppich ergossen hat. Es sah aus wie Blut. Gefährlich und bedrohlich setze der rote Fleck einen starken Kontrast zu dem unschuldigen Weiss des Teppichs. Wer kauft sich schon einen weissen Teppich, wunderte er sich als er langsam in die Knie ging und mit der linken Hand über den Teppich strich. Der Fleck war noch feucht, lange konnte er also nicht geschlafen haben.
Er stand auf und ging in die Küche, zog sich dabei das Hemd über den Kopf, das nach Alkohol und Rauch stank und strich sich durchs Haar. Er öffnete einige Schranktüren, bis er einen Salzstreuer gefunden hatte und damit zurück ins Wohnzimmer ging um grosszügig Salz auf den Flecken streute. Das hatte seine Mutter immer gemacht, wenn sein Vater einmal mehr die Kontrolle verloren und seinen Wein über den Tisch vergossen hatte.
In seinen Gedanken verloren bemerkte er zuerst gar nicht, dass bereits ein kleiner Salzhügel auf dem Teppich lag und zuckte zusammen. Er schüttelte seinen Kopf, um seine Gedanken zu vertreiben. Er stand auf, zog sich die Hose an und suchte seinen Geldbeutel. Er warf einen Blick hinein und erkannte, dass er gestern Nacht wohl nicht nur Cola getrunken hatte. War er nicht eben erst auf der Bank gewesen und hatte Geld abgehoben?
Er nahm den letzten Zwanziger heraus und legte ihn auf den Tisch. Gerade als er zur Tür gehen wollte, ging ihm durch den Kopf, dass dies ein falsches Bild vermitteln könnte. Er ging zurück in die Küche, suchte einen Zettel und einen Kugelschreiber und ging damit wieder ins Wohnzimmer. Er kritzelte kurz etwas auf den Zettel und warf ihn neben den Geldschein. „Für die Reinigung des Teppichs“. Dann suchte er noch seine letzten Dinge zusammen, öffnete leise die Tür und zog sie hinter sich ins Schloss. 

Unterwegs machte er in einer Bäckerei halt, kaufte ein paar Brötchen und einen Kaffee zum Mitnehmen. Zuhause stellte er die Tragtasche, die er in der Bäckerei erhalten hatte, vor der Haustür ab und kramte seinen Schlüssel hervor. Vorsichtig drehte er ihn im Schloss um und drückte die Klinge nach unten- es musste ja nicht zwangsläufig jemand seine Rückkehr bemerken. Auf Zehenspitzen schlich er sich in die Küche und schlürfte dort, an die Kombination gelehnt seinen Kaffee. Er war nicht mehr richtig heiss, doch es reichte immer noch aus, um seine Lebensgeister ein wenig zu wecken und seinen Brummschädel zu besänftigen.
Gerade überlegte er sich, noch einmal ins Bett zu gehen, als er hörte, wie eine Tür aufging und sich tapsige Schritte in seine Richtung bewegten. Verdammt, schoss es ihm durch den Kopf, genau das wollte ich vermeiden.
„Morgen“, sagte er stattdessen und versuchte, möglichst normal zu klingen. Sie zuckte zusammen, hatte ihn noch nicht gesehen und brummte dann nur etwas Unverständliches. Sie sah müde aus, hatte Ringe unter den Augen und zerzaustes Haar. Der Morgenmantel  und die flauschigen Hausschuhe, die ihre Füsse wärmten, trugen ihr Eigenes zum Gesamtbild bei. Sie hatte so gar nichts mit der schlafenden Schönheit gemein, die er in der anderen Wohnung zurückgelassen hatte, dachte er sich und doch durchströmte ihn eine Woge von Zärtlichkeit für diesen Morgenmuffel.
„Hunger? Ich habe Brötchen gebracht…“, versuchte er es noch einmal. „Brötchen…?“, fragte sie erstaunt und ihr Gesicht hellte sich etwas auf. „Ich habe den Kaffee gerochen- gibt’s noch welchen?“, erkundigte sie sich. Entschuldigend zuckte er mit der Schulter; „Tut mir Leid, ich hab’ mir von unterwegs einen mitgenommen.“, streckte ihr aber gleichzeitig seinen Becher hin. „Ich kann noch welchen machen, wenn du magst“.
Dankbar nahm sie den warmen Becher entgegen, nahm einen grossen Schluck und verdrehte theatralisch die Augen. „Klingt wunderbar- Danke!“, meinte sie und beugte sich vor, um ihm einen Kuss auf die Wange zu drücken. Als sie sich von ihm löste, rümpfte sie die Nase. „Du stinkst!“, empörte sie sich. „Du bist doch nicht gerade erst nach Hause gekommen?“ und obwohl sich ihre Stimme am Ende des Satzes hob, wusste er, dass es eher eine Feststellung als eine Frage war. Er kannte sie zu gut. Sie kannte ihn zu gut.
Er zuckte nur wieder mit den Schultern und drehte ihr den Rücken zu, um Kaffee zu kochen. Eine Antwort war ohnehin nicht nötig. Wenn er auch nur halb so schrecklich und durchnächtigt aussah, wie er sich fühlte, sprach alleine sein Anblick Bände. „Zucker?“, fragte er, um dabei das Gefühl zu verdrängen, das ihr bohrender Blick auf seinem Rücken in ihm auslöste. Er wusste genau, wie sie ihn jetzt ansah. Er kannte den Blick nur zu gut. Wut und Enttäuschung würde er in ihrem Blick sehen. Sorge und Verärgerung zugleich. Und Mitleid- das Mitleid war am schwersten zu ertragen. Schliesslich blieb ihm keine Wahl mehr. Er schüttete den aufgebrühten Kaffee in ihre Lieblingstasse, drehte sich um und hielt ihr den Becher hin.
„Et voilà, Mademoiselle. Stets zu Diensten“, versuchte er zu spassen und wich dabei ihrem Blick aus. Er griff sich stattdessen ein frisches Brötchen und biss gespielt geniesserisch hinein. „Mhh, die sind gut…“, schwärmte er, verdrehte die Augen und wollte sie damit zum Lachen bringen. Früher konnte er sie immer zum Lachen bringen, mit niemandem lachte er so gerne wie mit ihr. Doch ihr Schweigen liess ihn verstummen.
Ihr Schweigen und ihr Blick übernahmen das Sprechen, sagten genug aus. Seufzend zog er sich einen Stuhl heran und setze sich rittlings darauf, konzentrierte sich auf sein Brötchen. Plötzlich merkte er, dass er immer kleinere Bisse nehmen musste, denn sonst wäre er zu schnell damit fertig gewesen und hätte seinen Blick auf etwas anderes richten müssen. Sie. Dann müsste er sie wieder anschauen, ihren Blick ertragen. 

Sie konnte es kaum glauben. Sein Anblick schmerzte. Er sah ausgelaugt aus, hatte viel zu viel Gewicht verloren in der letzten Zeit, dafür aber um so mehr getrunken und geraucht. Seine Augen waren glänzig und klein. Vergeblich versuchte sie sich an deren strahlendes Blau zu erinnern. Früher versprühten seine Augen Funken, er strahlte und steckte alle seine Mitmenschen mit seiner Freude an. Er war aktiv, musste ständig etwas zu tun haben und hatte Freude an allen und allem um ihn herum. Er hatte ein wunderbares, schallendes Lachen das unglaublich ansteckend war. Ein anderes Lachen, als er jetzt zwischendurch von sich gab.
Das neue Lachen war gepresst, viel zu laut und abgehackt. Sie wusste, dass er dies für sie tat. Nur für sie lachte er, um ihr das Gefühl zu geben, es sei alles in Ordnung mit ihm. Sein Lachen log sie an. Er log sie an. Sie musterte ihn, suchte nach kleinen Anzeichen, die ihr zeigten, dass sein altes Ich noch irgendwo da ist, in ihm schlummernd und darauf wartend, wieder geweckt zu werden. Sie suchte und suchte, doch der Mann, der vor ihr stand war ihr fremd. Er roch streng, nach Alkohol und Rauch und Schweiss. Nach einer durchzechten Nacht in der erstbesten Spelunke. Er roch nach Verwahrlosung. Einsamkeit. Und nach einer anderen Frau. 

Er richtete sich ein wenig auf, schüttelte die Schultern, als möchte er eine Last abwerfen, seufzte dann und stützte die Arme auf der Stuhllehne ab. Sein Kopf schmerzte wieder stärker. Er rieb sich die Schläfen.
„Ich glaube, ich geh noch einmal ins Bett“, meinte er und erhob sich schwerfällig.
„Jeremy“, hörte er ihre Stimme leise in seinem Rücken, so leise, dass ers ich einen Moment lang fragte, ob er es sich nur eingebildet hatte. Er blieb stehen, wagte aber nicht, sich umzudrehen. „Es kann doch so nicht ewig weitergehen…“, flehte sie. Er schwieg, wollte sie ignorieren. „Jerry…“, meinte sie nachdrücklich.
Er drehte sich zögernd um, irgendetwas in ihrer Stimme hatte sich verändert. Er fühlte, dass er ihr dieses Mal nicht aus dem Weg gehen konnte. Sie hatte sich ein Herz gefasst, den Rücken gestrafft und die Schultern nach hinten gezogen. Er hatte keine Chance mehr. Dieses Mal liesse sie ihn nicht mehr so einfach gehen. 

„Es tut mir Leid Joana. Wirklich. Ich werde mir eine eigene Wohnung suchen.“, meinte er mit leiser Stimme. „Jerry, bitte- Schau mich an! Du weißt doch genau, dass es nicht darum geht- Ich will nicht, dass du gehst. Ich will doch nur, dass du mit mir redest!“.
An ihrer Stimme und ihrem Blick erkannte er, dass sie nun endlich Dinge aussprach, die ihr schon lange auf der Zunge lagen. Lange musst sie wohl überlegt haben, wie sie ihm das sagen wollte. Er stellte sich vor, wie sie nachts im Bett lag, sich hin und her wälzte und überlegte, wie sie all diese Dinge formulieren wollte. Wie sie sich Sätze zurecht legte und abwägte, wie er wohl darauf reagieren würde. Bei diesem Gedanken überkam ihn erneut eine Woge von Zärtlichkeit. Er wusste, wie sehr sie ihn liebte und er wusste, wie sehr ihr ihre eigene Ohnmacht in dieser Situation zu schaffen machte.

„Du kannst doch nicht einfach immer so weiter machen. Nicht darüber reden macht es auch nicht ungeschehen. Du frisst alles immer nur in dich rein. Versteckst dich hinter deiner Fassade und hast das Gefühl, dass es dir gelingt, mit deiner Farce alle die sich um dich sorgen zu beruhigen. Du tust so, als sei alles in Ordnung, als ginge es dir gut. Und dabei suchst du den Trost in den falschen Dingen. Alkohol und Zigaretten. Und Sex. Glaubst du, ich merke es nicht?“.

Obwohl ihre Stimme ruhig geblieben war, wusste er, dass sie sich nun gerade ihren Frust von der Seele redete. Noch nie hatte er sie laut werden gehört. Immer hatte sie sich unter Kontrolle, zumindest ihre Stimme.

Zerknirscht stand er da. Er kam sich vor wie ein Schuljunge beim Nachsitzen. Natürlich wusste er, dass sie sich Sorgen machte. Er wusste, wie sehr sie die ganze Situation belastete und er liebte sie so sehr dafür. Doch er konnte nicht. Er konnte ihr nicht geben, was sie von ihm erwartete.
„Jo… Du bist wunderbar und ich liebe dich, das weißt du. Aber…“, er zögerte. Er wusste, dass er sie mit dem, was er sagen wollte, verletzen würde. Aber es war besser so. Lieber ertrug er ihre Wut, als dass er weiterhin ihren mitfühlenden Blick auf sich spüren wollte. Er holte tief Luft: „…du bist nicht meine Psychiaterin.“. Er sah, wie sie zusammenzuckte, für eine Sekunde legte sich der Schmerz in ihren Augen nieder. Sie dachte, sie hätte sich gut unter Kontrolle. Doch er kannte sie nur zu gut. Sie hielt ihm vor, dass er alles in sich rein fresse. Doch gerade jetzt tat sie dasselbe. Aus Rücksicht zu ihm. Er hasste sich selbst dafür. Und er hasste sich für das, was er sagte. „Ich habe es mir überlegt Jo, ich ziehe aus. Wir beide unter einem Dach, das funktioniert einfach nicht.“
„Verdammt Jerry!“, jetzt war sie wütend. Sie stand auf, wollte gleich auf sein mit ihm. „Nein, ich bin nicht deine gottverdammte Psychiaterin- da hast du Recht. Aber ich bin nun einmal deine Schwester und ich mache mir Sorgen um dich. Du kannst dir ja gar nicht vorstellen, wie sehr es schmerzt, dir zuzuschauen, wie du dich selbst immer mehr kaputt machst!“. Jetzt hatte sie sich in Rage geredet, all die angestauten Worte, von denen sie nicht gewusst hatte, wie sie sie ihm sagen sollte sprudelten einfach aus ihr raus. „Merkst du eigentlich nicht, dass ich der einzige Mensch bin, den du noch hast? Du bist allein, Jerry, und das hast du dir selbst zu verdanken. Du bist ein Arschloch geworden. Hast alle von dir weggestossen. Menschen verletzt. Verachtend behandelt. Ignoriert. Jeden, der es gut mit dir meinte, hast du vertrieben. Und jetzt bin nur noch ich da. Und mich willst du auch vertreiben.“.

Während sie sprach war sie nun doch immer lauter geworden und ihm dabei näher gekommen. Er blieb ruhig stehen. Wusste nicht, was er antworten sollte. Sie hatte ja Recht, das wusste er. Und sie wusste es auch. Was sollte er also darauf noch antworten?




„Jerry, schau mich an… Jeremy!“, flehte sie nun. Ihre Stimme bebte. Er sah, dass sich Tränen sammelten in ihren Augenwinkel, wich ihrem Blick aus. „Jerry…“, flüsterte sie. Sie hatte Angst, gleich nicht mehr sprechen zu können. Doch sie war ihm nun so nahe, dass er sie trotzdem hörte.

Sie hob mit der einen Hand sein Kinn an, zwang ihn, seinen Kopf zu heben, den er wie ein trotziges Kind gesenkt hielt. Sie sah seine verkniffenen Gesichtszüge. Die zusammengepressten Lippen, die leicht bebten. Sie strich ihm über sein Gesicht, über seine Wange. „Ganz egal was du tust, ganz egal wie oft du mich noch verletzt Jerry, Ich werde nicht gehen. Ich lasse dich nicht im Stich. Nicht jetzt. Niemals!“. Ihre Stimme zitterte, brach zwischendurch ab. Innbrünstig hoffte sie, endlich zu ihm durchzudringen, etwas in ihm anzurühren und die harte Rüstung aufzubrechen. Die Tränen flossen ihr jetzt übers Gesicht und sie tat nichts mehr, um dagegen an zu kämpfen. Sie schloss ihre Arme um ihn, hielt sich an ihm fest. Hielt ihn fest. Sie fühlte, wie verkrampft er war, wie starr er da stand. Sie schniefte, ihre Tränen tropften auf sein Hemd.

Er fühlte ihre Wärme. Ihre Hände, die auf seinem Rücken ruhten. Ihre Tränen, die die Feuchtigkeit durch den Stoff auf seine Haut trugen. Fühlte ihre Liebe. „Dana hat dich so sehr geliebt Jerry. Sie hat den Mann, den du einmal warst, über alles geliebt…“, flüsterte sie ihm ins Ohr.

Noch immer stand er steif da. Sein Herz zog sich zusammen. Er schluckte. Bilder flammten in seinem Kopf auf, wie Blitze leuchten sie auf und erloschen wieder. Er schloss die Augen, versuchte die Bilder so zu verdrängen. Doch sie waren da. Überall. Er sah Dana in ihrem weissen Sommerkleid über eine Wiese rennen, die Sonne auf ihrem schönen Gesicht. Das Kleid wehte im Wind, umspielte ihre Bein. Ihre braunen Locken sprangen auf und ab, bis sie stehen blieb. Er hörte sie rufen, lief auf sie zu und sie lies sich zu Boden fallen. Sie drehte sich auf den Rücken, breitete die Arme aus und schaute in den Himmel. Er beobachtete sie dabei, wie sie den Vögel nachsah. Wie sie voller Freude wie ein Kind einen Blumekranz bastelte, den sie sich auf den kopf legte. Sie sah aus wie eine Fee. Seine wunderbare Fee. Er wollte sie küssen, sie festhalten, ihre Wärme fühlen und sein Gesicht in ihrem Haar vergraben. Doch jedes Mal, wenn er näher kam, rannte sie weg. Es schien wie ein Spiel doch plötzlich war sie weg. 




Stattdessen stand er nun an einem Strassenrand, kurz vor einer Kurve, verschluckt von der Dunkelheit. Er sah Scheinwerfer auf sich zukommen. Das Auto fuhr langsam. Die Fahrer mussten ihr Fenster geöffnet haben in der lauen Sommernacht. Musik drang bis zu ihm, ein Lachen.
Plötzlich begriff er. Er kannte das Lied, er kannte die Kreuzung. Er liess den Blick durchs Dunkel schweifen, als suchte er etwas. Noch war es nicht zu spät. Er sah das Auto näher kommen. Sein Auto. Ihr Lachen. Er trat mitten auf die Strasse, wollte das Auto aufhalten, obwohl er wusste, dass es unmöglich war. Das Auto fuhr auf ihn zu. Er sah, wie sie den Kopf in den Nacken legte und lachte. Er wusste noch genau, was er damals zu ihr gesagt hatte, jedes einzelne Wort. Er erinnerte sich an ihr herzhaftes Lachen, die Grübchen in ihren Wangen. Und er erinnerte sich daran, wie sie sich danach zu ihm rüber gebeugt hatte, ihn küsste und ihm einen Moment lang die Sicht verdeckt hatte.

Nun stand er auf der Strasse und musste das Ganze noch einmal miterleben. „Nein!“, schrie er laut auf, lief den Auto entgegen und winkte mit den Armen. Es war aussichtslos, das wusste er. Schliesslich sass er ja selbst am Steuer. Er sah, wie das Auto die Mittellinie überquerte, wie es ausscherte und wie er im Auto das Lenkrad umklammert hielt und versuchte, das Auto wieder gerade auf die Fahrbahn zu bringen. Er hörte das zweite Auto erst, nachdem er bereits in dessen gleissenden Scheinwerferlicht stand. Er sah sich selbst, wie er das Lenkrad herumriss, um dem Pickup auszuweichen, wie der Wagen ins Schleudern kam. Er sah das Weiss ihrer vor Entsetzten weit geöffneter Augen und wie ihr Mund lautlos einen Schrei von sich gab. Er schloss die Augen, als der Pickup durch ihn hindurch fuhr, hörte den Aufprall und das Quietschen aufeinanderprallenden Metalls, öffnete die Augen und sah nur noch, wie der Wagen sich überschlug, während der Pickup mitten auf der Strasse zum Stehen kam.

Alles um ihn herum verschwand in einer Tiefen Schwärze. Er hörte die Sirenen, entfernte Stimmen. Den Schrei eines Mannes. Er fühlte erneut das Rütteln, als sie seinen Körper auf eine Trage hoben, das brummende Geräusch des Motors des Krankenwagens. Er sah sich selbst, an ihrem Bett stehend, hielt ihre Hand umklammert und lauschte dem Piepen all der Maschinen um sie herum. Wie dankbar er doch für jedes einzelne Piepen war. Es beruhigte ihn, setzte ihn in einen schläfrigen Zustand, bis er plötzlich wieder aufwachte. Das Piepen war weg. Um ihn herum war alles stumm. Ihre Augen waren leer. Um ihn herum wurde alles schwarz.
Joana fühlte, wie ein Zittern durch seinen Körper ging. Sie drückte ihn fest an sich, hielt ihn, gab ihm und sich selbst Kraft. Er presste die Fäuste auf seine Augen, bis kleine, farbige Lichter zu tanzen begannen. Und dann endlich löste sich der Knoten in seinem Herzen. Seine Augen füllten sich mit Tränen, rannen über seine Wangen. Er nahm seine Fäuste von den Augen, umklammerte seine Schwester, hielt sich an ihr fest und liess gleichzeitig los. Sein Mund war ganz trocken. Er schluchzte, zitterte und staunte selbst, wie viele Tränen er weinte. Staunte, wie er all diese Tränen so lange in sich gefangen halten konnte. Seine Schwester strich ihm über den Rücken. Beruhigende Bewegungen. Zärtliche Bewegungen. Liebende Bewegungen.
„Danke“, flüsterte er.

Kommentare

  1. Du schreibst wirklich gut, sehr einfühlsam - authentisch, grad so als ob du es selbst erlebt hättest.

    Liebe Grüße,
    Lucia

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  2. Wunderbar, bewegend und tiefgründig!!!

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