Vorbei



Sie hat den Kopf an seiner Schulter, er den Arm um sie gelegt. Er streichelt ihr sanft über den Arm. Es ist gut gemeint, sollte tröstend wirken. Es bewirkt das Gegenteil, steht im krassen Kontrast zu all den Worten, die über ihnen schweben, durch ihre Köpfe geistern und ihnen in der Kehle stecken geblieben sind.

Sie starrt an die Decke. Grau. Sie möchte sich die Ohren zu halten, die ganze Welt anhalten. Die Zeit stoppen und zurück drehen. Sie blinzelt. Grau. Die Decke über ihr scheint langsam näher zu kommen. Sie hört seine Stimme in ihrem Ohr, hört ihn und hört doch nicht hin. Sie entdeckt kleine, feine Risse in der Decke. Sie starrt die Risse so lange an, bis sie vor ihren feuchten Augen wachsen. Sie werden länger, breiter, dehnen sich aus. Über die ganze Fläche. Sie hört ein Knacken. Die Angst in ihr wächst und wächst. Die Decke über ihr sieht gefährlich aus.

Er liegt noch immer neben ihr. Den Arm um ihre Schulter. Sie bemerkt, dass nicht er sie hält sondern dass er sich an ihr festhält. Sie fühlt seine Tränen, die auf ihren Hals tropfen, stellt sich das Geräusch vor, als wären es Regentropfen, die auf einem Dach aufkommen. Langsam rinnen die Tränen über ihren Hals hinab in ihren Ausschnitt und verschwinden zwischen ihren Brüsten. Die Decke scheint nun in greifbarer Nähe. Grau. Schwarz. Rissig. Wie trockener und aufgesprungener Wüstenböden. Bedrohlich und doch vertraut.

Sie weiss, was nun geschieht. Er schweigt längst. Ausgetrocknet wie der Boden und keine Worte mehr übrig, weil keine Worte annähernd treffend wären. Die Decke gibt unheimliche Geräusche von sich. Ihre Tränen vermischen sich mit den seinen. Ein erneutes Knacken. Und nun weiss sie es.

Die Decke ächzt und stöhnt unter der Last ihrer ungeweinten Tränen, ihres Schmerzes. Und sie weiss: Die Decke wird brechen. Jetzt gleich. Eine Flutwelle von salzigen Tränen wird sich über sie ergiessen, ihr den Atem rauben, alles von ihr einnehmen, ihn eingeschlossen. Alles um sie herum wird ertränkt, mit ihr zusammen. Durch die Wucht der Welle wird sie immer weiter heruntergerissen, bis die Dunkelheit alles umfassend wird und keine Geräusche mehr zu ihr vordringen werden.

Dann ist alles egal. 

Es ist vorbei. 

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