Pictures fade

Die komplette Geschite- Meine erste längere und zusammenhängende Geschichte seit Langem.

Die Geschichte ist fiktiv, mögliche Übereinstimmungen von Namen und Ereignissen sind Zufall. Das Bearbeiten, Kopieren oder Verbreiten der Geschichte ist ohne meine ausdrückliche Zustimmung nicht erlaubt.

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Pictures fade but memories last a lifetime

Der letzte Schnee war geschmolzen, es roch nach Frühling, die Welt erwachte zum Leben. Die ersten Krokusse sprossen aus dem Boden, neigten ihre Köpfchen den ersten wärmenden Sonnenstrahlen zu. Pärchen schlenderten Hand in Hand durch den Park. Eltern spielten mit ihren Kindern am See, Grosseltern gingen mit ihren Enkelkindern spazieren. Eine Gruppe Teenager hatte sich auf einem Platz versammelt; die Jungs mit Skateboards lässig unter die Arme geklemmt, die Mädchen, die ihnen bewundernde Blicke zuwarfen auf einer Bank daneben. Glückliche Menschen, wo sie nur hinschaute. Ein klischeehafter Tag.

Den Blicken von entgegenkommenden Menschen ausweichend, eilte sie durch den Park. Sie wollte all das Glück um sie herum nicht sehen, sie konnte es nicht ertragen. Zielstrebig setzte sie einen Fuss vor den anderen, so dass die Menschen ihr ausweichen mussten. Niemand hätte gewagt, sie anzusprechen, und doch fühlte sie die Blicke mancher auf sich ruhen. Fragend, besorgt.

Sie schlug einen schmalen Kiesweg ein. Man musste wissen wo er lag, um ihn zu finden, zwischen zwei Bäumen führte er ins Dickicht. Mit den Händen musste sie sich den Weg frei bahnen. Ausser ihr, schien nie jemand diesen Weg zu benutzen, was sie allerdings nicht verwunderte. Äste kratzten ihr die Beine auf, sie ignorierte sie, hielt aber ab und zu die Hand vors Gesicht, um wenigstens dieses zu schützen. Noch eine Biegung, dann trat sie aus dem Gestrüpp hinaus auf eine Wiese. Sie hielt sich die linke Hand vor die Augen, da die Sonne sie blendete. Gleichzeitig streifte sie mit der anderen Hand ihre Schuhe von den Füssen. Das Gras war taufrisch, kalt. Sie schauderte. Und doch mochte sie das Gefühl, konzentrierte sich darauf. Es lenkte sie ab. Bedächtig lief sie durch das Gras. Sie konnte es riechen. Es kitzelte ihre Füsse, manchmal stach es auch. Es erinnerte sie an ihre Kindheit. Wie sie am Morgen früh nur im Nachthemd bekleidet und barfuss draussen im Garten gespielt hatte, um ihre Eltern nicht zu wecken, bis der Duft nach Pfannkuchen sie dann in die Küche gelockt hatte. Sie erinnerte sich, wie sie die Tautropfen auf den Rosenblättern betrachtete und sich überlegte, ob diese wohl die Träne eines Engels seien.

Ohne es zu merken, war sie an ihrem Ziel angekommen. Die tröstenden Erinnerungen fielen von ihr ab, wie Laub im Herbst von den Bäumen. Sie fühlte sich schwer. Langsam setzte sie sich in das feuchte Gras und lehnte sich mit dem Rücken an ihren Baum. Sie fand, dass sie sich schon genug lange immer hier hin setzte, um ihn auch so nennen zu dürfen. Es war ein Kirschbaum. Sie mochte seine rötlichbraune Rinde, den Stamm, der ihr Halt gab. Wenn sie den Kopf zurücklehnte, konnte sie die Baumkrone sehen, in der eine Unzahl von weissen Knospen wuchs. Einige waren noch verschlossen, doch jeden Tag blühten mehr und mehr auf. Manchmal lösten sich einzelne Blütenblätter, schwebten, von einem lauen Lüftchen getragen, langsam zu Boden. Es sah aus wie ein Tanz und wenn sie eine der Blüten mit ihren Händen erhaschen konnte, strich sie behutsam mit den Fingern darüber. Sanft und weich schmiegten sich die Blüten in ihre Handfläche. Sie sahen aus wie Engelsflügel. Jedes Mal, wenn eine solche Blüte neben ihr zu Boden fiel stellte sie sich vor, dass sie sich etwas wünschen konnte. Ihr Wunsch war immer derselbe.

Sie blieb lange sitzen. Hier, bei ihrem Baum. Wartend, auf alles, auf nichts. Irgendwann einmal nahm sie das Foto aus der Tasche neben ihr. Es war etwas zerknittert und an den Rändern abgegriffen, die obere rechte Ecke war eingerissen. Sie folgte dem Riss mit dem Zeigefinger. Sie hatte Angst, dass das Foto irgendwann einmal ganz zerfallen würde. Dass es in seine Einzelteile zerfallen und vom Wind davon getragen werden würde. Sie lächelte bei dem Gedanke daran, denn als sie es sich vorstellte, sah sie die vielen kleinen Schnipsel der Fotografie im Wind flattern, sich mit den Kirschblüten vermischen, bis man beide nicht mehr voneinander unterscheiden konnte. Irgendwie ein schöner Gedanke. Sie schaute das Bild an, sah es und sah es doch nicht. Sie kannte es in und auswendig.

„Pictures fade, but memories last a lifetime“, hatte er immer neckend zu ihr gesagt, sobald sie ihre Kamera aus der Tasche holte, und etwas festhalten wollte. „Du hängst zu sehr an Dingen- du solltest den Moment geniessen, statt dich immer hinter der Kamera zu verstecken.“. Mit einem hatte er Recht gehabt. Sie klammerte sich buchstäblich an Dinge, brauchte Halt und hatte Angst vor Veränderungen. Sie wusste das. Er wusste das. Manchmal kannte er sie einfach zu gut. Beängstigend und schön zugleich. Und doch, für sie schloss das Eine nicht das Andere aus. Sie konnte noch so beteuern, dass sie den Moment genoss, er hatte es ihr wohl nie so richtig geglaubt. Sie wünschte, sie hätte ihm begreiflich machen können, wie sehr sie sie genoss, diese Momente mit ihm.

Sie liebte es, wenn sie ihn durch die Line ihrer Kamera lächeln sah, den Auslöser drückte und ihn gleichzeitig näher kommen sah. Wenn sie heute an ihn dachte, sah sie ihn immer noch so, wie durch ihre Kamera; er im Vordergrund, seine grünen Augen, sein Lächeln, das dunkle, zerzauste Haar, die Grübchen in seinen Wangen, der Hintergrund unscharf. Denn alles andere war unwichtig. Sie sah ihn, wie er die Hand nach ausstreckte, ihr die Kamera vorsichtig aus der Hand nahm und stattdessen sie in seine Arme zog. Sie liebte es, wenn er sein Kinn auf ihren Scheitel stützte, mit seinen Händen über ihren Rücken fuhr. Sie festhielt. Sie konnte seine Wärme spüren und dann fröstelte es sie. Sie erinnerte sich daran, wie es sich anfühlte, wenn er ihr Gesicht in seine Hände nahm, sie auf die Stirn küsste, mit seinen Lippen wie Schmetterlingsflügel über ihre Wangen fuhren bis ihre Lippen sich fanden.

Sie schloss die Augen als ihr Tränen in die Augen schossen, schlang die Arme um ihren Oberkörper, versuchte das Bild zu verdrängen. Es funktionierte. Für den Bruchteil einer Sekunde. Dann sah sie ihn wieder, wir er ihr über die Wangen strich, mit dem Daumen die Spur ihrer Tränen verfolgend. Wie er sanft und verstehend lächelte, ihre Tränen wegküsste. Wie er sie in seine Arme nahm und sie sich gegen ihn lehnen, seine Stärke fühlen konnte. Doch alles, was sie jetzt fühlte, war der Baumstamm, an den sie lehnte. Kalt, tot, unpersönlich.
„Weinen ist heilend. Tränen waschen den Schmerz aus dem Herz und der Seele raus. Lass los, lass es einfach los...“. Wie schön und einfach das klang, wenn er das sagte. Doch das Einzige, was tatsächlich half, war seine beruhigende Stimme, das Wissen, dass er da war. Das Wissen, dass er bei ihr war.

Doch wo war er jetzt? Verdammt, sie brauchte ihn so sehr. Überall hörte sie seine Stimme, erkannte ihn in den Gesichter wildfremder Menschen wieder, hörte ihn ihren Namen sagen, nur um sich umzudrehen und zu realisieren, dass da niemand war. Und zu fallen. Tief und immer tiefer. Sie hasste ihre Tränen. Ohne ihn hatte auch Weinen keine reinigende Wirkung. Die Tränen schwemmten nur immer mehr Schmerz an die Oberfläche. Schmerz, Trauer, Ohnmacht. Und jedes Mal, wenn sie dachte, mehr sei nicht mehr möglich, wenn sie dachte, die Wunde sei verheilt, dann brach sie wieder auf. Ohne Vorwarnung erfasste sie der Schmerz wieder und wieder und wieder.

Die Tränen liefen nun ohne Unterbruch über ihre Wangen, sie bemerkte gar nicht, wie sie stetig auf die Fotografie tropften. Sie hatte die Augen fest zusammengepresst, so fest, das es beinahe schmerzte. Doch dieser Schmerz war nichts im Vergleich zu dem in ihrem Herzen.

Er hat ihr mal erklärt, Gott bürde den Menschen soviel auf, wie sie ertragen konnten. Damals berührte dieser Satz sie. Ihrer Meinung nach sagte dieser Satz so viel über ihn als Menschen aus. Darüber, wie er durchs Leben ging und was für eine Einstellung er hatte. Er war der beste Mensch, den sie kannte. So rein, beinahe perfekt. Zu gut für sie, wie sie ihm immer wieder sagte. Nichts könne jemals zu gut sein für sie, war stets seine Antwort.
Doch verdammt noch mal, sah dieser Gott denn, nicht, dass sie schon lange am Boden lag, sich unter der Last, die sie niederdrückte nicht mehr aufrichten konnte?

Sie schreckte hoch, wie sie merkte, dass sie laut schluchzte, sie hatte sich selbst erschreckt. Da bemerkte sie das Foto in ihrer Hand, von ihrem eigenen Tränen aufgeweicht. Sie beide, auf einer Bank im Park. In dem Park, den sie vorhin durchquert hatte. Es war Frühling. Sie hatten dort gesessen, stundenlang zusammen geredet, sich ihre Zukunft ausgemalt. Er sass auf der Bank, sie an ihn gelehnt, den Kopf zu Seite gelehnt um ihn besser zu sehen. Sein Blick ruhte zärtlich auf ihr, während er sprach und seine Hand durch ihr Haar strich. Es war ein perfekter Tag gewesen, ein Moment absoluter Vertrautheit. Und sie sahen so glücklich aus. Es war das letzte Foto, von ihnen gemeinsam. Zwei Jahre waren vergangen und sie konnte sich nicht erinnern, seit damals je wieder so glücklich gewesen zu sein. Wieder gelacht zu haben.

Sie presste die Fäuste auf ihre Augen, versuchte den nicht versiegenden Tränenstrom zu stoppen. Es nützte nichts. Sie wollte schreien. Es ging nicht. Der Schmerz, die Tränen, ihr zerbrochenes Herz- all das schnürte ihr die Kehle zu. Ihre Hände führen durchs nasse Gras, um wenigstens etwas zu fühlen. Etwas anderes als Schmerz. Doch die nasse Kälte erinnerte sie nur noch mehr daran, wie es in ihr drin aussah. Leer, schwarz, grau, kalt.

Sie nahm eine Handvoll Kirschblüten in ihre Hand, betrachtete sie lange. Dann stand sie auf, schwerfällig vom langen Sitzen, das Gesicht tränennass, einen Schleier vor ihren Augen. Sie machte einige Schritte und schrak zusammen, als sie seine Stimme hörte. „Das mit uns ist für die Ewigkeit.“. Sie zuckte zusammen, warf einen Blick über ihre Schultern, obwohl sie wusste, dass er nicht dort stehen würde.
 „Die Ewigkeit…“, schluchzte sie. Etwas in ihr zog sich zusammen: War das ihr Herz, das so sehr schmerzt? Sie ging langsam in die Knie, betrachtete mit verschleiertem Blick die liebevoll arrangierten Blumen. Sie hätten ihm gefallen. Ein letzter Blick, dann legte sie das Foto auf seinen Grabstein. „Loslassen“, murmelte sie. „Wie kann ich loslassen, wenn du überall bist? Um mich herum, in meinem Kopf, meinem Herz, in mir drin?“.

Sie wandte den Blick ab, stand langsam auf und ging davon. Die Kirschblüten fielen langsam aus ihrer Hand und schwebten lautlos zu Boden.

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