Lächeln sollte leicht fallen

Sie hatte so viel Energie getankt und fühlte sich stark und ausgeglichen. Ganz bestimmt liess sie sich nicht wieder so einfach in ein Loch ziehen und den Bezug zu den Relationen verlieren. Das Leben ist zu kurz und zu kostbar. Und sie war sich einfach zu gut für so etwas!!!

Was die Drogen anbelangt... was die Drogen anbelangt. Vor den Ferien– in einem ihrer tiefsten Löcher– hatte sie wieder viel zu viel konsumiert. Es hat ihr die Energie regelrecht entzogen und sie wusste es. Und sie hat es jedes mal gewusst, bevor sie was nahm. Ihre Seele, ihre Gefühle sind auf ein Minimum geschrumpft und sie war unglücklich und kraftlos. Auch dafür sollte sie sich zu gut sein. Es gibt keine Flucht... es gibt nur Selbstzerstörung!

Nun, in einem sehr "vernünftigen Anfall" zu Hause auf ihrem wunderschönen, überwucherten Balkon in der idyllischen Gasse der Altstadt, hat sie die Nummern sämtlicher Kontaktpersonen zu Kokain gelöscht. Sehr vorbildlich und gut, obwohl sie es natürlich schon bald darauf bereut hat und alle Hebel in Kraft setzte, diesen bedeutenden Schritt rückgängig zu machen. Getan ist getan und sie hatte schon ihre Gründe, diese Nummern zu löschen– und nun hatte sie nichts. Es sind schon drei Monate vergangen seit sie das letzte Mal eine Linie reingezogen hat. Es ist gut so. Sie will nichts mehr mit diesem Gesellschaftsabschaum zu tun haben.

Sie weiss, dass sie bald einmal wieder was nehmen wird– aber dieses Mal muss es geplant und organisiert sein. Und der elemantare Unterschied zu ihren schlimmen Zeiten wird sein, dass es nicht ein Akt der Verzweiflung darstellt, sondern einer der Stärke!


Einige Tage später...

Es geht ihr nicht gut. Oder doch? Sie weiss es nicht so genau. Es ist wieder soweit, dass sich ihre bekannt- berüchtigten Schwankungen wieder bemerkbar machen. Und sie haben sich erst letztes Wochenende wieder bemerkbar gemacht. Das ist jetzt zwei Tage her und das heisst, dass es noch nicht zu spät ist. Nein. Sie kann dieses Etwas bekämpfen. Sie muss es bei seinen Wurzeln packen. Ja, sie lässt sich nicht schon wieder unterkriegen aber dafür muss sie jetzt ihre ganze Energie einsetzen und schauen, dass es ihr gut geht.

Und es geht ihr auch schon besser. Siehst du - das sind Schwankungen.

Sie schreib wieder und es tut ihr sehr gut. Fast als würde sie mit ihrem engsten Vertrauten kommunizieren. Ein Freund, der sie in und auswendig kennt und sie versteht. Jemand wie sie. Wahrscheinlich ist es eher ein Abbild ihrer selbst, dem sie schreibt. Und wenn sie es sich noch genauer überlegt, ist sie es. Sie schreibt all die Dinge an sich selbst.

In ihrem Kopf formuliert sie andauernd Texte, ordnet ihre Gedanken auf diese Weise und führt innere Selbstgespräche. Aber diese inneren Dialoge auf Blatt zu bringen, das ist der springende Punkt. Das ist das Rezept oder auch die Therapie, die sie sich selbst verschrieben hat.

Entwirren heisst das Wort. Entwirren... Denn was sie am Meisten hasst ist die Verwirrung – eigentlich ein Synonym von der Verirrung – jedenfalls was sie betrifft.

Die Zeit– sie geht und geht und geht– und irgendwie geht sie immer schneller. Sie kann nicht genau beurteilen, ob dies nun positiv oder negativ ist. Es ist eher als einfache Tatsache zu betrachten. Die Zeit geht. Und man muss aufpassen, sie nicht vorbeiziehen zu lassen, sondern mit ihr zu gehen..

Manchmal kommt sie sich vor wie in einem perfiden Spiel. Sie steht immer am gleichen Ort, während die Zeit und die ganze Welt vorbeiziehen. Oder besser ausgedrückt: Alles wiederholt sich immer und immer wieder. Jede Woche, jeder Montag und jeder Dienstag. Alles wiederholt sich und dreht sich in einem verdammten Kreis. Aus diesem Kreis gilt es auszubrechen. Sie will nicht im Kreis gehen wie all die andern. Sie will Veränderung. Sie will Überraschung. Sie braucht Herausforderung – und die Herausforderung soll nicht darin bestehen, diesen sich immer wiederholenden Alltag gut zu überstehen. Oder sich damit abzufinden. Oder ganz einfach zufrieden zu sein. Nein. SIE WILL MEHR!

Das Leben, das 90 % aller Menschen hier in Mitteleuropa führen oder führen werden ist zu wenig für sie. Drei Viertel des einzigen Lebens, das man geschenkt bekommt, wird gearbeitet. Tag um Tag, Woche um Woche und Jahr um Jahr wiederholt es sich. Immer nach dem gleichen Muster mit minim veränderten Abläufen...

Ein Kreis, in den man von der Gesellschaft hineingedrückt wird, ein Kreis, der vorgegeben ist... Ein Kreis. Ein gottverdammter Kreis. Nein. Für sie klingt das nicht nach Freiheit, Evolution und Entwicklung. Es klingt eher nach Gefängnis und Stillstand!


Ihr war kalt, obwohl sie die Heizung voll aufgedreht hatte. Sie zitterte. Sie wusste, was das bedeutete, wollte es aber nicht wahrhaben.

Beinahe zwei Wochen hatte sie nun erfolgreich gegen das böse Etwas angekämpft, das ihren Körper und ihre Psyche auffrisst und zerstört. Zwei Wochen lang hat sie sich selbst bekämpft, sich auf jede nur erdenkliche Art und Weise abzulenken versucht. Freunde. Familie. Ausgang. Tanzen. Sport. Alkohol. Männer. Sex. Doch nichts von all dem konnte die Leere in ihr längerfristig ausfüllen. Nichts von all dem gab ihr das Gefühl, lebendig zu sein.

Sie begann, in ihrer Wohnung auf und ab zu laufen. Konnte sich nicht mehr still halten. Musste diesen Punkt des Entzuges, der sie so kalt erwischt hatte, irgendwie überwinden. Sie war nicht darauf vorbereitet. Bis jetzt hatte sie isch so gut gehalten, war stolz auf sich selbst. Doch nun zitterte sie. Ihr war schlecht. Sie kämpfte gegen eine schier unbesiegbare Übermacht. Sie redete sich selbst zu. Stellte sich unter die kalte Dusche, versuchte was zu essen. Doch nicht half. Sie wollte schreien. Beissen. Kratzen. Auf etwas einschlagen. Sie duschte heiss, auch das half nichts.

Sie schlüpfte in ihre Jogginghose, schnürte die Schuhe, verliess das Haus und rannte planlos los. Die schneidend kalte Luft schmerzte im Hals, ihre Hände waren steif vor Kälte. Doch sie rannte weiter. Schneller und schneller. Trieb sich selbst immer mehr an. Die Kälte, der Schmerz gaben ihr endlich das Gefühl, lebendig zu sein. Sie wollte immer weiterlaufen nie mehr aufhören. Sie konnte das Blut fühlen, das durch ihre Adern strömte, ihr pulsierendes Herz und ihren Atem hören. Sie lebte. Und sie fühlte sich gut. Doch irgendwann einmal erreichte sie den Punkt, an dem sich ihr Körper an die Kälte, die Bewegung und das Tempo gewohnt hatte. Der Adrenalinspiegel sank. Das wunderbare Gefühl des sich lebendig Fühlens verglomm, bis es komplett erlosch. Und ersetz wurde es durch ein Gefühl, das sie innerlich zu zerreissen drohte. Sie fühlte sich als müsste sie sterben. Sie konnte nicht mehr atmen. Ihr Herz zog sich zusammen. Der Schmerz in den Beinen war verschwunden und einer Schwere und Müdigkeit gewichen. Es war vorbei. So wunderbar das Gefühl auch gewesen sein mochte, sie konnte sich bereits kaum noch daran erinnern, als sie ihre Mansardenwohnung wieder erreicht hatte.

Sie duschte erneut. Sie weinte. Sie schrie. Flehte eine ihr unbekannte Macht an, sie zu erlösen. Wollte dieses Gefühl zurück- lebendig sein. Sie versuchte, sich an das Gefühl zu erinnern, das vorhin durch die schmerzende Kälte, das Brennen in den Beinen verursacht worden ist. Schmerz. Vielleicht konnte sie den inneren Schmerz nur durch äusseren überwinden.  

....Sie schrie. Flehte eine ihr unbekannte Macht an, sie zu erlösen. Wollte dieses Gefühl zurück- lebendig sein. Sie versuchte, sich an das Gefühl zu erinnern, das vorhin durch die schmerzende Kälte, das Brennen in den Beinen verursacht worden ist. Schmerz. Vielleicht konnte sie den inneren Schmerz nur durch äusseren überwinden...


Sie liess sich diesen Gedanken immer und immer wieder durch den Kopf gehen. Er war verlockend und schockierend zugleich. Verdammt, dachte sie, bin ich nun tatsächlich so weit gesunken, dass ich es darauf ankommen liesse? Ist dies wirklich die einzige Möglichkeit, mich lebendig zu fühlen? Schmerzen?

Sie liess sich mitten in ihrem Wohnzimmer auf den Boden sinken, legte sich hin und fuhr mit ihrem Händen durch den flauschigen Teppich. Ganz sanft, kaum spürbar. Und doch kitzelte es. Ein Lächeln huschte über ihre Lippen und sie wunderte sich. Eigentlich sollte Lächeln doch etwas so selbstverständliches sein, dachte sie sich. Lächeln sollte einfach so passieren. Jeden Tag. Jede Stunde. Unzählig Male an einem einzigen Tag. Lächeln sollte leicht fallen. Und doch erinnerte sie sich nicht, wann sie das letzte Mal gelacht hatte. So richtig von Herzen. Befreiend. Sie wusste es nicht. Sie starrte an die Zimmerdecke und liess ihre Gedanken in die Vergangenheit schweifen. Auf der Suche nach schönen Momenten. Schöne Momente in ihrem Leben. Momente, in denen sie loslassen konnte. Frei war. Lachte. Das Leben genoss.

Alles was sie entdeckte, waren einige dunkle Flecken an der Decke, die ihr bis zuvor noch nie aufgefallen waren. Merkwürdig, dachte sie, ich rege mich darüber auf, dass sich die Menschen immer nur im Kreis bewegen, dabei mache ich genau das Gleiche. Ich drehe mich im Kreis. Immer und immer wieder, wie ein Zwirbel. Mit dem Unterschied, dass der Zwirbel irgendwann einmal aufhört sich zu drehen und umfällt. Doch ich bin gefangen in meinen Kreisen. Kreise, die eher einer Spirale gleichen. Eine Abwärtsspirale, dich mich gefangen hält.

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